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Die Vielfalt unserer Sprachen

Der Artikel stellt das Museum zur finnischen Geschichte der Gehörlosen vor und wirft einen Blick auf eine indigene Bevölkerung des Nordens. 

von Sarah Baumann , 12.09.2026 — 0 Kommentare

© Työväenmuseo Werstas

Das Recht zu lernen, zu gebärden, zu sprechen


Zwei kulturelle Highlights prägten meine vergangene Woche: Ein Besuch der Ausstellung des Museums zur finnischen Geschichte der Gehörlosen (fi. Kuurojen museo) und eine Vorstellung des Romans »All The Frost Melts« von Kseniia Bolshakova. 

Auf dem Weg nach Haaga, Helsinki 


Der große Zeiger rückte auf die sieben, auf dem Bahnhof von Tampere tummelten sich müde Menschen mit Silikon-Kaffeebechern und die Regenjacken waren ein Zeugnis davon, dass sich die Stadt mal wieder in einem Nieselregenzustand befand. Auch ich saß mit meinem Marimekko-Kaffeebecher in einem der Wagons, die gleich nach Helsinki eilen sollten. In meiner Anleitung die Anleitung für ein GPS-Gerät, das ich in den Urho-Kekkonen Nationalpark mitnehmen wollte, um bei einer mehrtägigen Wanderung durch den zweitgrößten Nationalpark Finnlands nicht verloren zu gehen. Doch bevor sich Fjell-Wege eröffnen werden, sollte mich ein Weg auf Schienen in den Stadtteil Haaga von Helsinki bringen. Auf dem Programm: Die Ausstellung zur finnischen Geschichte der Gehörlosen. Noch eine Station vor dem Hauptbahnhof Helsinki stieg ich in Pasila aus und machte mich auf den Weg zur Adresse llkantie 4, Haaga, 00400 Helsinki. 
Die Ausstellung befindet sich im Valkeatalo, einem Mehrzweckzentrum, das zudem Sitz des Finnischen Gehörlosen-Bundes (fi. Kuurojen Liitto) ist. Die Sammlung und die Verwaltung des Museums, welches bereits 1907 gegründet worden war, ist seit 2012 im Museum zur ArbeiterInnengeschichte Werstas (Tampere) angesiedelt.

Carl Oscar Malm – Vater der finnischen Gebärdensprache


Ich verbrachte an die zwei Stunden in dem Ausstellungsraum und lernte einen Teil der finnischen Geschichte über Bildung und Freizeit kennen, der mir neu war. Geschätzt wird, dass im 19. Jahrhundert etwa zwischen 1.000 und 1.500 Gehörlose in Finnland lebten. Die Anfänge spezifischer Bildung für Gehörlose liegen in Porvoo, wo Carl Oscar Malm 1846 die erste Schule für Gehörlose in Finnland in seinem Eigenheim gründete. Sowie Mikael Agricola als der Wegbereiter der finnischen Literatursprache bezeichnet wird, gilt C. O. Malm als der Vater der finnischen Gebärdensprache. In beiden Fällen ist ein zentraler Ort für die Entwicklung der Sprachen Turku gewesen – 1860 wurde hier die erste staatliche, finnische Gehörlosenschule gegründet, in der Malm unter anderem Gebärdensprache unterrichtete. Später folgten weitere Schulen für Kinder und Jugendliche. 

Verbot der Gebärdensprache


Im 19. Jahrhundert arbeiten gehörlose Menschen  fast ausschließlich in handwerklichen Berufen, auf die die Schulen ihren Unterricht – neben den Fächern Gebärdensprache (fi. viittomakieli), Mathematik, Geografie und Naturwissenschaften – ausrichteten. Die erste Berufsschule für Gehörlose wurde Anfang des 20. Jahrhunderts eröffnet, doch höhere Bildung sollte bis Anfang der 1980er Jahre nur schwer zugänglich bleiben. Ein bedeutender Grund dafür ist, dass der Unterricht in Schulen für Gehörlose vor allem auf lautsprachlichen Methoden basierte. Die Nutzung von Gebärdensprache im Unterricht war seit den 1890er Jahren bis weit ins 20. Jahrhundert hinein verboten. Wind hatte diese neue Methode, die auf die gesprochene Sprache und Lippenlesen setzte, auch aus dem Deutschen Kaiserreich bekommen. Hinter der oralistischen Methode stand der sozialdarwinistische Gedanke, dass Denken und geistige Entwicklung nur über die gesprochene Sprache funktionieren.
Ich war konsterniert, als ich von dem Verbot der Gebärdensprache an Schulen las. Doch die Ausstellung zeigt deutlich: Die Gebärdensprache überlebte, entwickelte und festigte sich. In einem Glaskasten liegen mehrere Lehrwerke zur Gebärdensprache aus, und ich blätterte ein finnisches Wörterbuch zur Gebärdensprache durch, versuchte mich an den Gebärdenzeichen »hei«, »haluu« und »ilma«. Ich glaube, ich bräuchte zum Erlernen definitiv eine Lehrkraft. Zwei ehemalige SchülerInnen von C. O. Malm – Fritz und Maria Hirn – veröffentlichten 1910 ihre erste Broschüre, in der sie die Gebärdensprache dokumentierten. Auch sie hatten Sorgen angesichts der oralistischen Entwicklung an Schulen. 

Entwicklungen in den 1970er und 1980er Jahren 


In den 1970er Jahren änderte sich das Bildungssystem dahingehend, dass im Unterricht wieder verstärkt auf die Methode der Gebärdensprache gesetzt wurde. Die Erinnerungen von gehörlosen Menschen an ihre Schulzeiten sind in der Ausstellung dokumentiert. An einem Tisch kann man persönliche Erzählungen aus der Community durchstöbern – in Gebärdensprache mit finnischem Untertitel. Die Erzählungen der Menschen sind ganz unterschiedlich; die Qualität des Unterrichts unterschied sich von Schule zu Schule. An der Universität Jyväskylä wurden ab den 1980er Jahren Studiengänge auf Grundlage von Gebärdensprache eingeführt, wodurch gehörlose Menschen zum ersten Mal Zugang zu höherer Bildung erlangen konnten. 

Ein Blick in die Gegenwart


Im gegenwärtigen Bildungssystem scheint Gebärdensprache an Schulen wenig gefördert zu werden. Gehörlosen Menschen fällt es somit wesentlich schwerer korrektes Schreiben und Lesen zu lernen – insbesondere die Realisierung von Deklination und Konjugation. Schulen, die nur auf gehörlose Menschen ausgerichtet sind, gibt es nicht mehr. Ein Ausnahmefall ist die Schule C. O. Malm in Turku, die gehörlose und schwerhörige Menschen sowie SchülerInnen mit Sprachentwicklungsschwierigkeiten bis zum Ende ihrer Grundschulzeit begleitet.
Die Ausstellung präsentiert nicht nur die Geschichte der Bildung von Gehörlosen in Finnland, sondern auch die der Vereine und Verbände. Der finnische Gehörlosen-Bund ist mit Organisationen weltweit in Kontakt. Seit 1987 befindet sich der Sitz des Weltverbandes der Gehörlosen – 1951 gegründet – in Helsinki. Kurse für finnische Gebärdensprache werden vom Gehörlosen-Bundes im Valkeatalo in Helsinki angeboten.

»All The Frost Melts«


Meinen Mittwochabend lies ich in der Universität Tampere mit einer Lesung von Kseniia Bolshakova ausklingen. Im Hinblick darauf, dass Boslhakova über die Situation von indigenen Bevölkerungen im Zeitalter des Klimawandels sprach, ist »ausklingen« vermutlich nicht das richtige Wort. Kseniia Boshakova gehört dem indigenen Volk der Dolganen an, die im Norden Russlands siedeln. Ihren autobiografischen Roman »All The Frost Melts« verfasste sie in ihrer Muttersprache, die nur noch von wenigen Tausend gesprochen wird, und übersetzte ihn anschließend ins Russische. Die finnische Übersetzung soll nächstes Frühjahr erscheinen – basierend auf der russischen Übersetzung. Obwohl das Thema meines Abendprogramms auf den ersten Blick ein ganz anderes als das der Ausstellung war, berührte auch dieses die Frage nach dem Recht der Nutzung und der Förderung von Minderheitensprachen.

Bildrechte


© Työväenmuseo Werstas

Literatur


Kuurojen museo: Kuurojen historiasta. – http://www.kuurojenmuseo.fi/?page_id=253&lang=fi 12.9.2026. 
Kuurojen Liitto ry: Turku AP! Turun kuurojen koulun monet kasvot. – https://viittomakielinenkirjasto.fi/video/turku-ap-turun-kuurojen-koulun-monet-kasvot/ 12.9.2026. 
Yle: Kuurojen määrä vähenee - koulutuksen merkitys kasvaa. – https://yle.fi/a/3-5501045 12.9.2026. 
Kseniia Bolshakova & Ainsley E. Morse: All The Frost Melts. – https://www.culturalsurvival.org/publications/cultural-survival-quarterly/all-frost-melts 12.9.2026.

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