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Ein Gespräch mit Anu und Friedbert Stohner über (Kinder-)Literatur

Anu & Friedbert Stohner sind seit über vierzig Jahren zwischen den Literaturen ihrer Heimatländer unterwegs: als Übersetzerin und Übersetzer von Hannele Huovi, Riitta Jalonen, Timo Parvela und vielen anderen, als Gutachterin für Erwachsenen- wie für Kinderbuchverlage und als Büchermacher u.a. bei Beltz & Gelberg und Hanser. Daneben haben beide immer auch selbst geschrieben. Zu Anus Büchern zählen die in über zwanzig Sprachen übersetzten vom „Kleinen Weihnachtsmann“ und vom „Schaf Charlotte“, von beiden zusammen erschien zuletzt „Erkki, der kleine Elch“ und von Friedbert (alias Pertti Kivinen) „Achtung Geisterelch!“, das zweite Buch über die im erfunden Kaninkorva tätigen „Blaubeerdetektive“.    
Die Redaktion der Deutsch-Finnischen Rundschau hat das Ehepaar interviewt und zu Finnland und dem Buchmarkt allgemein gefragt. Das Gespräch führte Saskia Geisler.

von dfgliest , 27.12.2019 — 0 Kommentare

  • Anu Stohnen © Nina Stohner-Schönberg

  • Friedbert Stohner © Nina Stohner-Schönberg

Als Manfred Holtze für seine Rezension des ersten Bandes der „Blaubeerdetektive“ auf die Suche nach dem finnischsprachigen Ursprungstitel ging, stellte er mit einiger Überraschung fest, dass es einen solchen gar nicht gab – „Pertti Kivinen“ war das Pseudonym von Friedbert Stohner. Und bei weiterer Recherche kam heraus, dass sowohl er als auch Anu Stohner schon lange DFG-Mitglieder sind. Grund genug für uns, einmal genauer nachzuhaken und das Ehepaar nach Hintergründen zu den Blaubeerdetektiven genauso wie zu Finnland und dem Buchmarkt allgemein zu fragen.

DFR: Sie scheinen ja einen Riesenspaß an dem Verwirrspiel rund um das Pseudonym „Pertti Kivinen“ gefunden zu haben, jedenfalls sind Sie, Anu Stohner, ja sogar als Übersetzerin aus dem Finnischen angegeben, die Tarnung geht also ganz schön weit. Wie kam es zu dieser Idee?
Friedbert: Angefangen hat alles mit einer Beschwerde unserer vier Enkel, die in Järvenpää leben und wissen wollten, warum wir immer nur über deutsche Kinder in Deutschland schreiben und nie über finnische Kinder in Finnland. Da haben wir überlegt, wie wir das ändern könnten, und sind auf Kinderkrimis gekommen, die an einem zwar erfundenen, aber dafür umso finnischeren Ort spielen. Als fleißigerer Krimileser musste ich dann das Schreiben übernehmen, habe mir aber Anus Hilfe ausbedungen, damit ich’s am Ende nicht allein gewesen bin.
Anu: Er meint, falls wieder Beschwerden gekommen wären, diesmal, weil er Finnland und die Finnen doch nicht so richtig trifft.
Friedbert: Genau. Und das mit dem Pseudonym und der angeblichen Übersetzung war dann das Tüpfelchen auf dem Jux: Auf so dezidiert finnischen Büchern sollte auch ein finnischer Autor stehen.

DFR: Den Blaubeer-Detektiven ist ja eine unheimliche, teilweise augenzwinkernde, Liebe zum finnischen Leben - von der Natur bis zum Tankstellenrestaurant - anzumerken. Wie würden Sie jeweils Ihre Beziehung zu Finnland beschreiben?
Friedbert: Für mich ist Finnland das Land, in dem ich immer mal wieder fremdle und mich trotzdem fast genauso zu Hause fühle wie in Deutschland.
Anu: In dem Satz braucht man nur die Länder auszutauschen, dann geht’s mir genauso.

DFR: Im letzten Heft haben wir ja Elina Kritzokat interviewt, die erzählte, dass sie ihre Aufgabe als Übersetzerin auch stark als Kulturvermittlung versteht. Wie sehen Sie das? Und was sind Dinge zwischen Finnland und Deutschland, die aus Ihrer Sicht überhaupt starker Erklärung bedürfen oder wo das jeweilige Land sich ruhig noch etwas mehr abschauen könnte?
Anu: „Kulturvermittlerin“ klingt mir fast ein bisschen pompös, aber als Zuschreibung von außen lass ich’s mir gefallen. Als Übersetzerinnen und Übersetzer vermitteln wir nun mal in vielerlei Hinsicht. Mir war’s nur immer wichtig, dabei nicht zu viel Sendungsbewusstsein zu entwickeln. Ich habe die Verlage, für die ich übersetzt habe, ja immer auch beraten, wollte dabei möglichst objektiv bleiben, und Sendungsbewusstsein und Objektivität gehen leider nicht so richtig gut zusammen. Aber klar, da spielte auch mein privates Leben eine Rolle: Friedbert war ja lange Verleger, und wenn man ihn einmal über Leute hat schimpfen hören, die ihm aus lauter Verliebtheit in ein Land und seine Literatur zu den falschen Bücher raten, wird man vorsichtig.
Friedbert: Was nicht heißt, dass du nicht in dein Land und seine Literatur verliebt wärst.
Anu: Überhaupt nicht. Ich will mir nur meine Urteilsfähigkeit bewahren. Beim Übersetzen selbst bin ich dann wieder leidenschaftlich finnisch und versuche alles, um noch den deutschesten deutschen Leser rumzukriegen. Da bin ich ganz bei Elina und ihrem Verständnis von unserem schönen Beruf, und wenn die Deutschen dabei was lernen, umso besser.
Friedbert: Zum Beispiel, wenn man fragen darf?
Anu: Zum Beispiel, dass der Humor in Kinderbüchern wild und subtil zugleich sein kann. Wenn du dich erinnerst, haben wir bei Timo Parvelas „Ella“-Büchern jahrelang gezögert, weil wir Angst hatten, in Deutschland sieht man daran nur das Wilde und Überdrehte.
Friedbert: Stimmt. Auch der sogenannte „englische Humor“, der traditionell ein bisschen überdrehter daherkommt, galt im deutschen Kinderbuch lange als „nicht kindgerecht“, wie man das nannte, und ich hatte Bedenken, man könnte die „Ella“-Bücher ähnlich einsortieren.
Anu: Die deutschen Verleger sollten ein paar weniger Bedenken haben.
Friedbert: Und die finnischen ein paar mehr, damit sie Bücher nicht halb oder noch weniger lektoriert unter die Leute bringen, wie es Elina richtig beschrieben hat.

DFR: Es klang ja gerade schon an, Sie schreiben beide selbst, übersetzen aber eben auch. Inwiefern unterscheiden sich die Arbeitsprozesse bei diesen beiden Formen der literarischen Arbeit?
Friedbert: In der Freiheit. Als Autor bin ich frei und für alles, was ich verzapfe, selbst verantwortlich. Wenn ich da pfusche, schade ich nur mir selbst. Beim Übersetzen schade ich jemandem, der sich dagegen nicht wehren kann, und das darf ich nicht. Ich finde das Schreiben einfacher.
Anu: Ich nicht. Immer, wenn ich selbst was geschrieben habe, freu ich mich aufs Übersetzen, weil da jemand die verflixten weißen Blätter schon gefüllt hat. Aber richtig, die freieste aller literarischen Tätigkeiten ist das Übersetzen nicht – wobei wir Finnisch-Übersetzerinnen und -Übersetzer noch den kleinen Vorteil haben, dass die Freiheit mit der Entfernung zwischen zwei Sprachen wächst. Das kann und muss man manchmal sogar nutzen. Elina hat auch das sehr gut beschrieben.

DFR: Wenn Sie den finnischen und den deutschen Buchmarkt vergleichen: Wo sehen Sie Stärken oder Schwächen? Was würden Sie auf Finnisch erzählen, was eher auf Deutsch und wo würden Sie sich mehr Austausch wünschen? Sehen Sie es zum Beispiel auch so, dass der finnische Kinderbuchmarkt insgesamt mutiger ist als der deutsche?
Anu: Da muss der Ex-Verleger anfangen und nur sehen, dass er ein Ende findet …
Friedbert: … was ihm als Finne womöglich leichter fiele. Es ist aber auch ein weites Feld, und die kürzest mögliche Antwort lautet: Die Schwächen sind dieselben und gründen in der Angst, mit dem Lesen von Büchern könnte es bald vorbei sein. Wer Angst hat, wird mutlos, und mutlose Verlage wollen immer dieselben großen Bestseller noch mal verlegen. So entstehen Wellen und Lawinen, die das Kleine, Feine, Besondere unter sich begraben. Das gilt für Erwachsenen- wie für Kinderbücher gleichermaßen.
Anu: Sehen kann man das auch als Laie daran, dass auf den höchsten Bücherstapeln in finnischen und deutschen Buchhandlungen zu einem nennenswerten Teil dieselben Titel liegen.
Friedbert: Wobei mir die finnischen Verlage insgesamt – und nicht nur bei den Kindern – doch etwas mehr Vertrauen in den Eigensinn ihrer Klientel zu haben scheinen.
Anu: Aber sind sie deshalb schon mutiger?
Friedbert: Wo sie nur ihre Klientel richtig einschätzen, nicht. Aber ich glaube, sie trauen sich auch eher, dieser Klientel was zuzumuten.
Anu: Und im Wort „zumuten“ steckt der Mut ja mit drin.
Friedbert: Eben.

DFR: Zu guter Letzt vielleicht noch ein kleiner Ausblick: Der zweite Band der Blaubeerdetektive ist ja gerade erschienen. Wie geht es da weiter? Und auf welche Veröffentlichungen aus Ihrer Feder dürfen wir uns außerdem bald noch freuen?
Friedbert: Von den „Blaubeerdetektiven“ ist erst mal noch ein dritter Band fürs Frühjahr geplant, dann sehen wir weiter.
Anu: Und ebenfalls in diesem Herbst ist ein Buch von uns beiden zusammen erschienen, bei dem man auch nicht lange raten muss, wo es spielt. Es heißt „Erkki, der kleine Elch“.
Friedbert: Erkki wie der Freund, in dessen Haus in Helsinki die Geschichte zum großen Teil entstanden ist.
Anu: Was noch?
Friedbert: Ich mag ja die Bücher nicht so, in denen Nicht- oder Neufinnen erzählen, was sie an Finnland und den Finnen alles so witzig und toll finden. Das ist ja ein bisschen eine Mode …
Anu: … und gibt es ganz ähnlich auch für unsere Nachbarn in Dänemark, Schweden und Norwegen.
Friedbert: Stimmt. Aber bei den Finnen kann ich mir am ehesten ein Urteil erlauben und sage, es handelt sich um nett gemeinte Märchen, die auch das Finnische Fremdenverkehrsamt in Auftrag gegeben haben könnte. Da denk ich immer, ich erzähl mal vom wahren …
Anu: Wie bitte?
Friedbert: Das war jetzt wirklich keine Anspielung – was ich meine, ist, dass es ein Finnland jenseits der immer wieder gern genommenen Folklore gibt, von dem zu erzählen sich eben auch lohnen würde.
Anu: Ich hab’s: Wir erfinden ein deutsch-finnisches Ehepaar, dass sich auf der Fähre zwischen Helsinki und Travemünde über die Macken ihrer Heimatländer fetzt.
Friedbert: Schade, dass der beste Titel dafür schon vergeben ist.
Anu: Nämlich?
Friedbert: „Du hast angefangen! Nein, du!“
Anu: Das war mal ein Deutscher Jugendliteraturpreis, oder?
Friedbert: Ja. Ein Bilderbuch vom großen Engländer David McKee.
Anu: Dabei klingt der Titel so was von deutsch.
Friedbert: Vielleicht bleiben wir doch bei den Kinderbüchern.

DFR: Haben Sie ganz großen Dank für dieses spannende Gespräch – eins ist klar: Die Ideen gehen Ihnen bestimmt so bald nicht aus!





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