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Rezension: Rosa Liksom: Die Frau des Obersts

Im Februar erschien im Penguin-Verlag dieser zweite Roman von Rosa Liksom in deutscher Übersetzung. Lesen Sie hier die Rezension in der Deutsch-Finnischen Rundschau.

von dfgliest , 20.07.2020 — 0 Kommentare

Rosa Liksom: Die Frau des Obersts © Penguin

Für dieses Buch ist dickes Fell gefragt, das sei gleich vorab gesagt. Wir folgen in Die Frau des Obersts den Lebenserinnerungen einer Frau, die abschließend auf ihr Leben schaut. Wir lernen ihren streng national gesinnten Vater kennen und lernen: auch das Kind wird schnell zur Verehrerin Hitlers und völkischer Gedanken, selbst eine Vergewaltigung durch rechtsradikale Mitmarschierer bei einer Kundgebung bringt die Jugendliche nicht von ihren Überzeugungen ab.

Teilweise ist das harsch zu lesen, so dicht sind wir dran an der Erzählerin, so wenig filtert sie ihre Überzeugungen und so über den grünen Klee wird da manch nationalsozialistischer Verbrecher gelobt. Die mitläuferhafte, naive Unterwerfung der Frau kulminiert mit der Figur des Obersts. Dieser ist ein glühender Verfechter großfinnischer Ideen und geht in Lappland in der Zusammenarbeit mit den Nazis vollkommen auf. Gleichzeitig hält er sich die Erzählerin als Geliebte, hier ist noch alles in Ordnung, die sadistischen Neigungen des Obersts haben andere zu ertragen. Doch das Blatt wendet sich mit dem Ende des Krieges – Erzählerin und Oberst heiraten und der gescheiterte Mann lässt all seine Wut ob der gescheiterten Ideen und Vorstellungen an seiner Frau aus. Es braucht lange, bis sie ihm entflieht und selbst im Entfliehen liegt – aus meiner Sicht – nur wenig Entkommen.

Auch wenn der Klappentext von „wahrer Liebe“ spricht, so bleibt unsere Erzählerin doch bis zuletzt in den Vorstellungen und Ideen gefangen, die sie von klein auf eingetrichtert bekam, ein wenig freier vielleicht als zuvor, ein wenig näher an einem lebenswerten Kompromiss. Wie sehr die Umstände dabei ihr Handeln entschuldigen können, das ist eine der großen Fragen dieses literarisch hochwertigen Textes.

Rosa Liksom hat die Frau übrigens nach einem realen Vorbild geformt, der Schriftstellerin Annikki Kariniemi. Die Frau des Obersts ist für alle interessant, die sich der Zeit der deutsch-finnischen Waffenbrüderschaft aus literarischer Perspektive widmen wollen. Zugleich ist es ein Text, der sehr ernsthaft die Frage danach eröffnet, wer wir sein, von wem wir uns beeinflussen lassen wollen – und der gerade aus weiblicher Perspektive aufzeigt, wie viel in Sachen Gleichberechtigung schon geschafft wurde und wie viel noch zu tun ist (denn dass die Erzählerin den Männern so ausgeliefert ist, hat auch viel mit ihrem Frauen- und Selbstbild zu tun).

Rosa Liksom: Die Frau des Obersts. Aus dem Finnischen von Stefan Moster. Penguin 2020. 224 S. ISBN: 978-3-328-60096-1, 20 Euro. Eine Rezension in der Deutsch-Finnischen Rundschau von Saskia Geisler.

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