Das Anatomische Panoptikum im Hygiene-Museum in Dresden
Das Wachsfigurenkabinett Madame Tussauds in London ist den meisten ein Begriff. Doch es ist nur eines von etlichen Kabinetten, die lebensgroße und aus Wachs modellierte Figuren der Öffentlichkeit präsentieren. Die Funktionen eines Wachsfigurenkabinetts sind vielfältig: Sie dienen der Unterhaltung, präsentierten sich im 19. und 20. Jahrhundert auf Jahrmärkten und zogen zum Teil noch bis in das 21. Jahrhundert durch das Land. Einige der Wachsfigurenkabinette sind auch medizinischer Art. Sie dienen der Gesundheitsaufklärung.
Die historische Sammlung anatomischer Wachsmodelle im Deutschen Hygiene-Museum in Dresden zeugt von vielfältiger Geschichte und Nutzung. Die Wachsmodelle des Anatomischen Panoptikums dienten sowohl der Unterhaltung als auch medizinischen Zwecken. Die Dipl.-Restauratorin Johanna Helene Maria Kreil hat die Geschichte und Erhaltung des Panoptikums eingehend untersucht. Ihre Arbeit zeigt, dass das Panoptikum auch Verbindungen nach Finnland hat.
Geschichte und Bestand
Zu dem anatomischen Panoptikum gehören nach Angabe des Hygiene-Museums etwa 250 Objekte. Über 150 Jahre – von ca. 1850 bis 2009 – wurden die Figuren an verschiedenen Orten und in unterschiedlichen Ländern von Schaustellern gezeigt. Dabei dienten die Austellungen vor allem zur Gesundheitsaufklärung. Die Wachsfiguren stammen von mehreren Modelleuren. Eine Vielzahl der Figuren hat der aus Breslau stammende Rudolf Pohl modelliert. Pohl, wie auch sein Lehrer Gustav Zeiller, arbeiteten ab 1872/73 in Dresden als Modelleure. (Kreil 2025: 154.)
Doch welche Verbindungen hat das Panoptikum nach Finnland?
Bevor die Wege nach Finnland gehen, muss kurz die Anatomische Ausstellung von Gottlieb Kludsky (tsch. Bohumila Kludského) vorgestellt werden. Gottlieb Kludsky war ein bedeutender Schausteller im späten 19. und 20. Jahrhundert gewesen. Einer der berühmtesten Zirkusse aus dieser Zeit geht auf ihn und die Familie Kludsky zurück. Außerdem war er möglicherweise der Inhaber eines anatomischen Museums. Es gibt jedoch noch eine zweite Person mit gleichem Namen, die als ehemaliger Besitzer in Frage kommt. Entscheidend ist, dass das Museum der Kludskys etwa 230 Wachsfiguren umfasste. Thema der Ausstellung waren insbesondere Geschlechtskrankheiten. (Kreil 2025: 77-85.)
In den 1970er Jahren machten sich zwei Finnen auf die Suche nach den Kludskyschen Exponaten: Esa Karttunen und Wäinö Hamari. Esa Karttunen soll Inhaber einer Schlangen- und Reptilienausstellung gewesen sein. Wäinö Hamari ist als Akkordeonspieler und „Zauberer” bekannt. Kurz gesagt: Sie waren Schausteller, die sich auch für Wachsfiguren interessierten und 1981 das Glück hatten, auf die Kludskyschen Exponate zu stoßen. Das Anatomische Wachskabinett ‚Panoptikon’ (finn. Anatominen Vahakabinetti, Panoptikon) wurde gegründet und konnte bereits 1982 in Helsinki der Öffentlichkeit präsentiert werden – nachdem die Schaukästen wieder hergestellt und der Staub beseitigt worden war.
Das Unternehmen Esa Karttunen und Wäinö Hamari
Die von Esa Karttunen und Wäinö Hamari ins Leben gerufene Ausstellung verblieb nicht nur in Helsinki, sondern wurde auch in Hallen und Galerien in Turku, Tampere, Riihimäki und Valkeakoski gezeigt. Auf Volksfesten stellten Esa Kartunen und Wäinö Hamari die traditionsreichen Wachsfiguren nicht aus. Die Besucher*innen hatten – wie auch heute – die Möglichkeit, die dargestellten Organe, Verletzungen und Krankheiten anhand von detaillierten Beschreibungen nachvollziehen zu können.
Die Ausstellung unterschied sich jedoch zum Teil von dem Kludskyschen Museum: Es kamen andere Motive hinzu und der Fokus rückte ein wenig von der Darstellung von Geschlechtskrankheiten weg. Die Entscheidung, sich unabhängig von Jahrmärkten und anderen Schauunternehmen zu präsentieren, ermöglichte es Esa Karttunen und Wäinö Hamari, das anatomische Museum noch bis Anfang der 2000er-Jahre zu erhalten. Die beiden finnischen Schausteller reisten mit den Figuren nicht nur durch Finnland, sondern auch durch Skandinavien. Aus wirtschaftlichen Gründen wurde ab 2005 begonnen, einen Käufer für das Museum zu finden. 2007 erfolgte die letzte reisende Ausstellung. Somit gehörte das Konvulut von Esa Karttunen und Wäinö Hamari zu den letzten mobilen Ausstellungen von Wachskabinetten überhaupt. Das Hygiene-Museum erwarb die Wachsfiguren 2009 nach einigen Verhandlungen mit Esa Karttunen. Bis dahin hatten die Wachsfiguren in einem Schuppen in Pori gelagert. Der Erhaltungszustand vieler Wachsfiguren – nicht nur aus dem Bestand von Karttunen und Hamari – ist durchschnittlich bis stark gefährdet. (Kreil 2025: 86–92, 291).
Auch in Finnland – genauer gesagt in Visulahti – gibt es ein Wachsmuseum. Seine etwa 80 Figuren sind jedoch ganz anderer Art und stellen keine menschlichen Organe und Krankheiten dar. Stattdessen werden prominente finnische Persönlichkeiten lebensgroß präsentiert.
Literatur:
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