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Sprachenpolitische Fragen zur Wahl

Eine Umfrage der Organisation Oma kieli zur Parlamentswahl zeigt die sprachenpolitischen Potenziale Finnlands.

von MoinMoiNews , 05.05.2019 — 0 Kommentare

© Bild: Kimmo Brandt/Compic/Parliament of Finland


Finnlands staatliche Zweisprachigkeit gilt in ihrer gegenwärtigen Form oft als vorbildliche Lösung für das Zusammenleben unterschiedlicher Sprechergruppen. Dabei ist das Schwedische, das mit seinem rechtlich abgesicherten Status als zweite Landessprache die größte Sprechergruppe nach dem Finnischen bildet, längst nicht die einzige Minderheitensprache des Landes. Seit den 1990er-Jahren hat vor allem die Zahl der Russischsprachigen stark zugenommen. Die samischen Sprachen haben dagegen an Sprechern verloren, obwohl sie im Norden des Landes im sogenannten Heimatgebiet der Sami den Status offizieller Sprachen besitzen. Wie kann es gelingen, den sprachlichen Bedürfnissen aller Sprechergruppen in Finnland gerecht zu werden? Wie sollte sich seine Sprachenlandschaft in Zukunft angesichts des wachsenden Einflusses des Englischen und der Migrantensprachen entwickeln? Sprachenpolitik widmet sich diesen Fragen und ist damit ein wichtiger Teil von Politik und Gesetzgebung.

Die Parlamentswahl im April hat nun die Weichen für eine neue Sprachenpolitik in Finnland gestellt. Wie genau diese Politik aussehen könnte, hat die Organisation Oma kieli, zu Deutsch „eigene Sprache“, mithilfe einer Umfrage im Vorfeld der Wahl zu ermitteln versucht. Oma kieli ist eine parteilose Organisation, die sich unter anderem der Stärkung von Finnisch, Schwedisch und den in Finnland gesprochenen samischen Sprachen gegenüber dem Einfluss des Englischen verschrieben hat.

Für die Umfrage wurden alle insgesamt 2468 Kandidatinnen und Kandidaten befragt, die sich im April zur Wahl gestellt hatten. Antworten kamen allerdings nur von etwa einem Zehntel der Abgeordneten, vor allem von den Basisfinnen und den Grünen. Von der Schwedische Volkspartei kamen dagegen gerade einmal 10 Antworten. Den Teilnehmenden der Umfrage wurden 14 Thesen vorgelegt, zu denen sie ihre Meinung äußern konnten. Möglich waren Antworten von „stimme voll und ganz zu“ über „stimme größtenteils zu“ bis „stimme größtenteils nicht zu“ und „stimme gar nicht zu“. Zusätzlich hatten die Befragten die Möglichkeit, unentschieden zu bleiben.

Zweisprachiges Finnland

Ein Großteil der Thesen befasst sich mit dem Klassiker der finnischen Sprachenpolitik, nämlich dem gegenwärtigen und zukünftigen Status der beiden Landessprachen Finnisch und Schwedisch. Dass dieser weiterhin gesichert werden müsse, darüber sind sich die meisten Parteien einig. In staatlichen Ämtern und im öffentlichen Sektor sollte vor allem Finnisch oder Schwedisch gesprochen und ihr Gebrauch bei Bedarf auch durch strengere Gesetze durchgesetzt werden, so die Ansicht von 90 Prozent der Befragten. Volle Zustimmung findet diese Forderung bei den Christdemokraten, den Basisfinnen und der Schwedischen Volkspartei. Ähnlich sieht es mit Blick auf die Schulen und die höhere Bildung aus: Rund 80 Prozent der Befragten sind der Ansicht, dass die meisten Schulfächer auf einer der Landessprachen unterrichtet werden sollten, um die Qualität der Lehre zu garantieren. Am meisten verbreitet ist diese Meinung bei den Christdemokraten und der Schwedischer Volkspartei. Die Bewegung Jetzt zeigt sich dagegen eher abgeneigt. Die jüngste Entwicklung an den Hochschulen, bei der landessprachlicher Unterricht zugunsten englischsprachiger Lehrveranstaltungen weichen musste, sehen etwa 80 Prozent der Befragten kritisch. Vor allem die Basisfinnen, das Linksbündnis und die Christdemokraten würden sie am liebsten wieder umkehren.

Bei konkreten Maßnahmen zur Sicherung der staatlichen Zweisprachigkeit herrscht große Meinungsverschiedenheit zwischen den Parteien. Nur 37 Prozent der Befragten sind beispielsweise der Ansicht, dass die jeweils andere Landessprache wieder als verpflichtendes Fach in die Schulabschlussprüfung eingehen sollte. Am höchsten ist dieser Anteil bei der Schwedischen Volkspartei und den Christdemokraten, am geringsten dagegen bei den Basisfinnen, deren Abgeordnete einer entsprechenden Regelung zu fast 90 Prozent widersprechen. Durchgehend zweisprachige Schulen sehen immerhin zwei Drittel der Befragten als möglichen Weg an, den Status des Schwedischen in Finnland zu sichern. Die Schwedische Volkspartei verzeichnet hier überraschenderweise nur eine partielle Zustimmung von 45 Prozent und keine einzige Antwort mit voller Zustimmung. Positiv aufgenommen wird der Vorschlag dagegen bei der Sammlungspartei, den Christdemokraten und dem Linksbündnis. Die Basisfinnen bilden mit nur etwa einem Drittel Zustimmung das Schlusslicht.

Neue und alte Minderheiten


Einig sind sich die Parteien darüber, dass den Migrantinnen und Migranten in Finnland das Erlernen von mindestens einer der Landessprachen einen Vorteil bringe. Mit Ausnahme der Zentrumspartei geben die Befragten in allen Parteien dazu ihre volle oder partielle Zustimmung. Mit über 90 Prozent ist die volle Zustimmung bei den Basisfinnen am höchsten. In der Frage, ob mehr Ressourcen in den muttersprachlichen Unterricht für Migrantinnen und Migranten investiert werden sollten, sind sich die Parteien dagegen uneins. Weniger als ein Fünftel der Abgeordneten der Basisfinnen und nur ein Drittel der Bewegung Jetzt würden entsprechenden Plänen ganz oder teilweise zustimmen. Unterstützung erhält die Forderung dagegen von der Schwedischen Volkspartei sowie den Grünen, den Sozialdemokraten und dem Linksbündnis.

Neben diesen neuen Minderheiten widmet sich die Umfrage auch den sprachlichen Rechten der Sami und Karelier. Während die Forderung nach mehr Rechten für die Sami, etwa einem samischsprachigen Abitur und muttersprachlichem Unterricht außerhalb des sogenannten Heimatgebiets, noch eine allgemeine Zustimmung von 86 Prozent erhält, gehen die Meinungen zur Situation der Karelier weiter auseinander. Ein Fünftel der Befragten sieht keine oder kaum Notwendigkeit, den rechtlichen Status des Karelischen und seiner Sprecher in Gesetzesform festzuhalten, und gut ein Zehntel bleibt in der Frage unentschlossen. Am meisten Zustimmung kommt hier vom Linksbündnis sowie von den Sozialdemokraten, den Grünen und den Christdemokraten. In der Schwedischen Volkspartei, der Zentrumspartei und der Sammlungspartei äußert sich dagegen nur die Hälfte der Befragten zustimmend.

Den Einfluss des Englischen thematisiert die Umfrage schließlich im Kontext des finnischen Bildungssystems. Nahezu alle Befragten sind der Ansicht, dass das finnische Schulsystem die Schülerinnen und Schüler mit seinem Angebot an landes- wie fremdsprachlichem Unterricht gut auf die globalisierte Welt vorbereite. Eine weitere Ausweitung des englischsprachigen Unterrichts in der Schule könne nach Meinung von knapp zwei Drittel der Abgeordneten sogar zu größerer Ungleichheit im finnischen Schulsystem führen. Am stärksten wird diese Position von den Christdemokraten und den Sozialdemokraten vertreten. Statt mehr Englisch in der Schule wünschen sich 90 Prozent der Befragten eine Ergänzung des Lehrangebots durch weitere Fremdsprachen.

Die Pole der Sprachenpolitik

In den Ergebnissen der Umfrage identifiziert Dr. Santeri Junttila von der Universität Helsinki zwei Tendenzen, die das Profil der finnischen Sprachenpolitik auszeichnen: Auf der seinen Seite gehe es um eine Bestärkung des Englischen gegenüber dem Schutz der Landessprachen, etwa bei der Frage nach der Stellung des Englischen an den Hochschulen, und in der Frage nach den Rechten der Sami oder muttersprachlichem Unterricht für Migrantinnen und Migranten wiederum um die Dominanz der Mehrheitssprachen gegenüber dem Schutz der Minderheitensprachen.

Alle befragten Parteien tendierten eher zum Schutz der Landessprachen gegenüber einer Förderung des Englischen. Dies ist laut Junttila vor dem Hintergrund der globalen Sprachenverhältnisse mit ihrem zunehmenden Verschwinden kleiner Sprachen und der weiteren Ausbreitung der dominanten Sprachen zu verstehen, führt jedoch nicht zwangsläufig zu denselben sprachenpolitischen Schlussfolgerungen. Während die Grünen beispielsweise mehr Gewicht auf den Schutz von Minderheitensprachen legten, weil sie die Landessprachen trotz der globalen Lage nicht als bedroht ansähen, stellten die Basisfinnen und die Sammlungspartei den Schutz der Landessprachen explizit in den Vordergrund.

Nicht alle Abgeordneten, die den Status des Schwedischen in Finnland verteidigten, befürworteten jedoch den Schutz von Minderheitensprachen im Allgemeinen, und viele der Abgeordneten, die das Finnische vor dem Einfluss des Englischen beschützen wollten, vernachlässigten auf der anderen Seite die Rechte der sprachlichen Minderheiten. Letztere Einstellung finde sich bei großen Teilen der Basisfinnen und der Bewegung Jetzt, aber auch in der Sammlungspartei und unter den Christdemokraten. Junttila vermutet, dass diese Paradoxe in einer Sorge um Ressourcenknappheit wurzeln, einerseits bezogen auf eine mögliche Konkurrenz der Landes- und Minderheitensprachen um sprachenpolitische Maßnahmen und deren Finanzierung, andererseits aber auch mit Blick auf die imaginierte Speicherkapazität des menschlichen Gehirns.

Junttila zeigt sich in seiner Analyse der Umfrageergebnisse besorgt über solche Entwicklungen. Nicht zu vergessen sei jedoch, dass nach wie vor ein Großteil der Befragten Maßnahmen befürworteten, die der sprachlichen Vielfalt Finnlands nützten. Auch die Relevanz sprachenpolitischer Maßnahmen im Allgemeinen sei den Abgeordneten bewusst: Insgesamt 89 Prozent der Befragten würden die Idee eines sprachenpolitischen Programms für die kommende Legislaturperiode unterstützen. Das sind ganz klar gute Neuigkeiten, denn die Anforderungen an die Sprachenpolitik Finnlands werden angesichts wachsender kultureller Diversität und der weiteren globalen Vernetzung in Zukunft nicht weniger komplex werden.

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